Nur keine falsche Bescheidenheit

Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen archivarischen Bewertungsdiskussion in der Bundesrepublik

„Wir sollten uns in aller Bescheidenheit nur die Aufgabe stellen, die Tätigkeit der verschiedenen Registraturbildner unserer jeweiligen Archivträger in den wesentlichen Zügen zu dokumentieren, und nicht vorrangig versuchen, auf von wem auch immer als bedeutend erkannte Fakten, Ereignisse, Entwicklungen abzuheben."(1) Mit dieser Forderung nahm Bodo Uhl im Jahre 1990 in seinem Resumee der bundesrepublikanischen Bewertungsdiskussion explizit Stellung gegen eine inhaltliche Konzeption archivarischer Bewertung, wie sie Hans Booms in seinem Vortrag „Gesellschaftsordnung und Überlieferungsbildung“ 1971 auf dem Archivtag in Dortmund vorgetragen hatte.

Nach dem Vortrag von Booms war es lange Zeit still geblieben in der bewertungstheoretischen. Diskussion der Bundesrepublik. Das änderte sich gravierend Anfang der 90er Jahre. An der Humboldt-Universität fand im Jahre 1991 ein Kolloquium zum Thema „Archivarische Bewertung in Deutschland - Bilanzen und Perspektiven“ statt. 1994 folgte an der Archivschule Marburg die Veranstaltung „Bilanz und Perspektiven archivischer Bewertung“. Im gleichen Jahr bezog die Leiterin des Marburger Instituts für Archivwissenschaft, Angelika Menne-Haritz, in ihrem Aufsatz „Das Provenienzprinzip als Bewertungssurrogat?“ Stellung gegen das von Hans Booms 1971 formulierte Bewertungskonzept sowie generell gegen eine inhaltlich orientierte Bewertungstheorie. Sie plädiert stattdessen für eine „inhaltsfreie“, formale, an „Evidenzwerten“ orientierte Bewertungskonzeption. Dieses Konzept war wiederum Anlaß zu kritischen Stellungnahmen aus der archivischen Praxis.

Es erscheint somit lohnenswert, die wesentlichen Tendenzen dieser Beiträge zu skizzieren und die Frage nach den weiteren Perspektiven aufzuwerfen.

Zunächst ist jedoch ein knapper Rekurs auf das von Hans Booms 1971/72 gegebene Bewertungskonzept nötig.(2) Zum einen, weil die gegenwärtige Diskussion zustimmend oder ablehnend auf Booms rekurriert, zum andern, weil gerade in den ablehnenden Stellungnahmen das Boomssche Konzept häufig einseitig verkürzt und verzerrt wiedergegeben wird.(3)

Erfassung und Bewertung von Informationsmaterial - das hatte Hans Booms 1971 den Archivaren zu Beginn seines Beitrags in Erinnerung gerufen - sei die Kerntätigkeit des Archivars, seine gesellschaftlich wichtigste Aufgabe, die sein Berufsbild in der Gegenwart am stärksten charakterisiere und präge - le problème-clef de l’ archivistique moderne (Robert-Henri Bautier). Dieses Schlüsselproblem der Archivwissenschaft besitzte einen methodischen und einen theoretischen Aspekt. Er beabsichtige, in einer theoriekritischen Untersuchung(4) die Frage nach einer archivischen Werttheorie, nach Maßstäben archivarischer Quellenbewertung aufzuwerfen:

Überlieferung ist die Gesamtheit der vorliegenden Zeugnisse geschichtlichen Geschehens, sind die aufspürbaren Informationsträger vergangener Ereignisse. Soweit es sich dabei um Texte etc. handelt, die im gesamtgesellschaftlichen - im weitesten Sinne politischen - Prozeß anfallen, werden diese Materialien in Archiven aufbewahrt, vorausgesetzt, sie sind zuvor vom Archivar zur dauernden Aufbewahrung qualifiziert worden. Die Feststellung von Archivwürdigkeit ist der konstitutive Akt, der gesellschaftliche Daten zu historischen Materialien werden läßt. Das ist jene Überlieferungsbildung, die dem Archivar von der gesellschaftlichen Gruppierung, der er jeweils dient, als Aufgabe zugewiesen wird. Diese Tätigkeit ist einem starken Wandel unterworfen: in der letzten Archivarsgeneration noch das Auflesen von mehr oder minder zufällig erhalten gebliebenen Überresten, übersteigt das Überlieferungsfähige heute bei weitem das Überlieferungsmögliche. Eine rapide Beschleunigung durch die Informationsflut und das archivarische Bewertungsmonopol im öffentlichen Bereich ist zu verzeichnen. Je weiter sich die Öffentlichkeitssphäre auf Kosten der Privatsphäre ausdehnt, je stärker wird die Instutionalisierung des verwalteten Lebens. Die Technologieentwicklung führt zudem zu einer rapide wachsenden Datenmenge.

Die gesellschaftliche Bedeutung archivarischer Quellenbewertung ist verbunden mit der Frage, welche Bedeutung die historischen Wissenschaften für die Gesellschaft besitzen. Droysens erster Fundamentalsatz lautet: Vergangenes läßt sich nicht unmittelbar beobachten. Um die Grenzen menschlicher Erinnerung zu durchstoßen (Schieder), ist der Mensch auf konkrete Zeugnisse vom Vergangenen angewiesen, die in der Gegenwart vorhanden sind. Die Frage nach den Quellen ist daher die fundamentalste Frage jeden geschichtswissenschaftlichen Versuchs. Überlieferung stellt die stoffliche Ermöglichung von Geschichtsschreibung dar. Geschichte ist eine empirische Wissenschaft: Ihre Wissenschaftlichkeit erwächst nicht aus den subjektiven, von der gesellschaftlichen Umwelt geweckten Fragestellungen des Historikers, sondern aus der Exaktheit, mit der dieser seine Antwort darauf an den überlieferten Informationsträgern der Vergangenheit ermittelt und überprüft.

Die Frage nach der Objektivität der Quellen hat der Historiker traditionell mit der kritischen Methode beantwortet: Prüfung der Echtheit und der Qualität der Quellen als historische Zeugnisse- allerdings nur im Einzelfall oder maximal in Bezug auf Quellengruppen. „Die Frage nach der Objektivität der Überlieferung in größerem oder gar in gesamtgesellschaftlichem Zusammenhang wurde bislang von Seiten der Historiker nicht aufgeworfen.“ Hier fühlen sie sich angewiesen auf zufällig Bewahrtes und vertrauen auf die immanente Objektivität, die ihnen der Zufall offenbar beschert. Welche Wirkung es hat, wenn statt des Zufalls der Archivar die Überlieferung bildet, gelangte bisher nicht in das Bewußtsein der Historiker.

Nun läßt sich das Wertvolle nicht immanent aus den Überlieferungsträgern selbst ermitteln als objektiver Wert. Quellen werden erst wertvoll, indem ihnen der Archivar Wert zumißt. Die Wertbezugspunkte sollen umfassend und bedeutend wie anschaulich und konkret sein, damit sie als Leitwerte dienen können.

Ist es den Archivaren bisher gelungen, solche Leitwerte zu entwickeln, fragt Hans Booms weiter. Er gibt als Antwort einen Überblick über die bisherige Bewertungdiskussion,(5) die er als überwiegend theoriefeindlichen Pragmatismus skizziert. Die dabei zu beobachtende Theorieabstinenz charakterisiert er unter Verweis auf Karl Georg Faber als ein Stück archivischer Wissenschaftsgeschichte.

In diesem Zusammenhang ist auch die Bedeutung des Provenienzprinzips zu erörtern, „Das Provenienzprinzip [...] verschleierte [...] den Bedarf nach konkreten verbindlichen Leitwerten, die er [der Archivar] nicht zu definieren vermochte, bot ihm formale Bewertungssurrogate. Das Provenienzprinzip, unentbehrlich gewordenes archivisches Ordnungsprinzip, diente zugleich auch als formale und ideologische Basis des Kassationsverfahrens.“ Um dies verständlich zu finden, muß man sich vergegenwärtigen, daß der Quellenstoff, der dem Archivar jener Zeit zur Überlieferungsbildung überantwortet wurde, allein schon des Umstandes wegen, daß er der Sphäre des Staates entstammte, a priori für diesen von guter Provenienz war.

So war der Leitwert des Archivars die Herkunft des Materials vom verabsolutierten Staat. Solch a priori wertbehafteter Stoff bedurfte keiner Einzelbewertung, als er gebunden in den Herkunftszusammenhang des Provenienzprinzips anfiel. Er präsentierte sich als „prachtvoll gewachsene“ Registratur oder organischer Archivkörper, deren Registraturzusammenhang von den Archivaren nach dem freien Provenienzprinzip umgewandelt worden war, als ästhetische Überlieferungsform. Die Kassation war im wesentlichen darauf beschränkt, das Ephemere auszuscheiden (Durchgangs- und Empfängerüberlieferung, Mehrfachschriftgut etc.), um das Wesentliche des Organismus klarer herauszumodellieren.

„Archivarische Quellenbewertung, die sich zwischen die Scylla des von Zweifel angenagten naiven Vertrauens auf Intuition und die Charybdis fehlender Leitwerte gestellt sah, suchte ihre Zuflucht bei strukturalistischen und funktionalen Formalkriterien. Ein auf das Provenienzprinzip gestelltes Kassationsverfahren verdeckte das Erfordernis konkreter Quellenwertvorstellungen im Bewertungsverfahren. Dies blieb möglich, solange die Überbewertung der institutionellen Öffentlichkeit zuungunsten der informellen gesellschaftlich sanktioniert wurde.“

Heute ist allgemein anerkannt, daß die Dokumentationspflicht amtlicher Archive sich nicht auf die Tätigkeit der Summe aller amtlichen Stellen im Sprengel beschränke, sondern durch Sammeln nichtamtlichen Materials ergänzt werden muß. Die Summe der Tätigkeit aller amtlichen Stellen ist nicht kongruent mit der Summe des historisch-politischen Lebens. „Vor allem aber die moderne Sozialwissenschaft hat uns hellsichtig gemacht für das konstitutive Element der Gesellschaft. Diese ist stärker geworden als der Staat, der nur noch als ihr Teil begriffen wird.“

Zu einer positiven Wertauslese benötigt man aber Leitwerte. Denn woran solle der Archivar die Bedeutung des Schriftgutkomplexes für den Gesellschaftsprozeß erkennen? Der Archivar sollte ausgehen von der Empirie des Gesellschaftsprozesses. Er sollte kleinere, überschaubare Sozialstrukturen analysieren. Die Vergegenwärtigung von Vergangenheitsabschnitten sollte die Gestalt eines Geschichts-Urbilds, Vor-Bilds annehmen, nach dem der Historiker sein Geschichtsbild schaffen könne. Der Archivar sollte das Geschichtsbildraster nicht nach den Wertvorstellungen seiner gegenwärtigen Zeitphase bilden, sondern nach den zeitgenössischen der Stoffentstehung. Das ist ein geschichtsimmaneter Maßstab der Vergangenheit, der nicht der Spekulation ideologischer Glaubenssätze entstammt. Methodische Ausgangsbasis muß daher die Analyse des zeitgeschichtlichen Meinens anhand der veröffentlichten Meinung sein.

Das Ergebnis einer solchen Analyse wird ein Überlieferungsmodell, ein Dokumentationsplan sein, für denjenigen Ausschnitt, auf den sich der jeweilige Zuständigkeitsbereich (Staat, Kirche, Wirtschaft etc.) des Archivs erstreckt. In diesen Dokumentationsplänen läßt sich festlegen, welche Ereignisse, Handlungen, Unterlassungen etc. wesentlich sind. Überlieferungswürdig werden dann diejenigen Informationsträger, die diese wesentlichen Strebungen und Gegenstrebungen dokumentieren. Es bedarf dann nur der archivarischen Prüfung, welche Informationsträger - unangesehen ihrer Provenienz - für das jeweilige Dokumentationsbedürfnis die optimale Dokumentationskraft besitzt, damit ein Dokumentationsmaximum mit einem Dokumentenminimum erzielt werden kann.

Das Ausmaß an archivarischer Subjektivität an einer solchen das Geschichtbild vorformenden Überlieferungsbildung scheint zu schrecken. Die Gegenfrage aber ist, auf welche Überlieferung der Historiker bisher angewiesen war, solange es sich nicht um zufällig Bewahrtes handelte. Um die Subjektivität zu relativieren, darf die Erstellung des Dokumentationsplans nicht Angelegenheit einzelner Archivare sein, sondern muß in Teamarbeit mit wechselnder Kritik und einem Beirat mit Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen erfolgen. Er sollte schriftlich fixiert, wenn möglich publiziert werden.

Daß es sich bei diesen Gedanken von Hans Booms um bedenkenswerte und diskussionswürdige theoretische Ausführungen handelt, ist die Begründung, die 15 Jahre später zu einer Übersetzung und Veröffentlichung seines Aufsatzes in der kanadischen Fachzeitschrift Archivaria führte.(6) Während die kanadischen Kolleginnen und Kollegen überzeugt waren, dieser Aufsatz „would be of great benefit to the North American archival community“, reagierte die deutsche Seite erstmals 1989 - und zwar negativ, und das noch aus eigenem Hause und zudem in einer Hans Booms selbst zugedachten Festschrift. In dem Beitrag von Siegfried Büttner heißt es dort: „Wenn es denn je den Versuch der Aufstellung dieses Dokumentationsplans gegeben hätte, er würde die gesellschaftliche Sanktionierung nicht erfahren haben oder er würde ohne praktische Wirkung bleiben. Komplexe menschliche Wertvorstellungen und -empfindungen sind kaum gesamtgesellschaftlich zu harmonisieren, am wenigstens dann, wenn es um klare Einzelentscheidungen geht.“(7) Büttner hatte allerdings vorher einschränkend bemerkt, daß er selbst in seinem Aufsatz auf die Begründung archivischer Wertbestimmung nicht eingehen oder sie gar beantworten könne. Diese im gesamten Aufsatz von Büttner isoliert stehende - nicht aus dem Kontext begründete - subjektive Ablehnung greift dann Bodo Uhl heraus,(8) um sich anschließend selbst noch einmal mit Booms auseinanderzusetzen: Mit schonungsloser Offenheit habe Büttner das gegenwärtige Urteil des Bundesarchivs über das Boomssche Bewertungsmodell zusammengefaßt. Der Dokumentationsplan in der DDR und im Modell von Booms kämen zwar völlig unterschiedlich zustande, das mache aber im Ergebnis keinen großen Unterschied.

Als Fazit der gesamten Bewertungsdiskussion glaubt Uhl dann feststellen zu müssen, daß keiner der inhaltlichen Vorschläge tatsächlich weitergeführt habe - im Gegensatz zu den Vorschlägen, die „nur“ formale Methoden empfohlen hätten. Daraus folge: Keine weiteren Bemühungen um eine schlüssige Archivwerttheorie, denn diese hätte eine allgemeinverbindliche Werttheorie zur Voraussetzung, die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht denkbar sei. Die Bewertungsaporie sei nicht aufhebbar, aber durch methodische Bemühungen verbesserbar. Uhl spricht dann die bereits eingangs zum Teil zitierte Empfehlung aus: „ Wir sollten uns in aller Bescheidenheit nur die Aufgabe stellen, die Tätigkeit der verschiedenen Registraturbildner unserer jeweiligen Archivträger in den wesentlichen Zügen zu dokumentieren und nicht vorrangig versuchen, auf von wem auch immer als bedeutend erkannte Fakten, Ereignisse und Entwicklungen abzuheben. Mit dem Vorwurf von Booms, ein derartiges auf das Provenienzprinzip abgestelltes Kassationsverfahren verdecke das Erfordernis konkreter Wertvorstellungen [...] können wir [...] leben.“(9)

Auf diese Beiträge bezieht sich dann Angelika Menne-Haritz 1991 in dem Bewertungskolloquium an der Humboldt-Universität (10) wie folgt(11): Nach dem Beitrag von Booms 1971 sei erst mit seiner Festschrift 1989 und dem Beitrag von Bodo Uhl ein Neuanfang in der Bewertungsdiskussion gemacht worden.

Zwar hat sich in der Praxis nach dem Beitrag von Booms die Dokumentation der Aufgabenwahrnehmung der Behörde als Bewertungsmaxime durchgesetzt, doch trotz dieser manifesten Entwicklung galt unwidersprochen der theoretische Anspruch, Bewertung solle sich nach dem Quellenbedarf der Geschichtsforschung richten. Gerade aber in der DDR hat sich gezeigt, daß durch Wertmaßstäbe, die aus einem legitimatorischen Geschichtsbild abgleitet worden sind, archivische Methoden verdrängt wurden. Akten sollten als Lieferanten von Belegen für die aus der Gesetzmäßigkeit der Geschichte abgeleiteten Fakten und Entwicklungen fungieren. In der BRD hingegen sind gegenwärtig neue Strömungen in der Geschichte sowie Geschichtswerkstätten etc. zu beobachten. Der einzelne Archivar kann nicht alle diese Richtungen kennen und deren Quellenbedarf berücksichtigen; er kann nicht die Wissenschaftskontroversen in sich versöhnen; der Versuch muß zur Bevorzugung der einen oder anderen Richtung führen.

Benötigt wird daher eine archivarische Bewertungstheorie, die aus der archivischen Praxis kommt. Archive sind Schnittstellen von Verwaltung und Öffentlichkeit; sie machen Informationen zugänglich - jeder Bürger, jede Gruppe ist Gegenstand von Verwaltungshandeln und hat Anspruch, sich über die Arbeit der Verwaltung zu informieren. Das Provenienzprinzip - bisher als physische Abgrenzung verstanden - muß in Zukunft funktional interpretiert werden, als Analyse von Informationen aus Strukturen und Kontexten. Die Tranzparenz von Verwaltungshandeln in der demokratischen Gesellschaft herzustellen ist archivarische Aufgabe. Wenn Schriftgut Werkzeugfunktion in derVerwaltung hatte, enthält es authentische Informationen über Ablauf der Aktion in Form von Indizien, nicht im Text. Die Schriftstücke sind nicht wegen der Texte, sondern wegen ihrer Funktion interessant; für diese Funktion wurden die Texte formuliert - nicht für die Nachwelt. Archivische Arbeit ist daher Evidenz über Aufgabenerledigungsprozesse herstellen - erst in diesem Kontext bekommen Texte Bedeutung.

Bewertung ist primär Analyse in Form von Erarbeitung nichtverbaler Informationen; sie eliminiert Redundanz. Die den Akten zugrunde liegenden Tätigkeiten der Verwaltung werden nach ihrem Stellenwert als repräsentativ oder nicht für die Aufgabenerledigung der Verwaltung bewertet; archivische Bewertung ist daher keine Quellenbewertung. Archivierung ist unparteiisch: Ziel ist, die Aussagekraft des Bestandes zu erhöhen. Der Wert wird dadurch bestimmt, ob Akten Aussagekraft haben, d.h. für den Sekundärzweck geeignet sind. Behördenübergreifende Bewertung ist nur bei fast identischen Beständen möglich.

In der anschließenden Diskussion nahm Hans Booms in diesem Kolloquium noch einmal Stellung zu seinen 1971 entwickelten Vorstellungen.(12) Es sei ein Mißverständnis von Angelika Menne-Haritz, er habe Provenienzen auflösen wollen. Als Historiker sei ihm klar, daß der Nutzwert pertinenzmäßig zusammengetragener Quellenbestände beschränkt sei. Der Historiker könne bei der Auswertung von Quellen nicht auf den Enstehungszusammenhang verzichten. Bewertungsvollzug sei daher nur auf der Basis der Provenienz möglich. Der Archivar müsse beim Bewertungsprozeß sofort von der Pertinenz als Identifikation von politischen Geschehnissen auf die Provenienz umsetzen.

Der von ihm 1972 angedachte Dokumentationsplan sollte nur reale Bezüge zum historisch gewordenen zeitgenössischen Geschehen der Aktenenstehungszeit herstellen - er sollte nicht komplexe Wertvorstellungen konstruieren. Entscheidender sei aber, daß er selbst heute nicht mehr an diesem festumrissenen Dokumentationsplan festhalten wolle. Auf Bodo Uhl(13) erwiderte Booms, dieser wolle mit seinem Ansatz zu früheren Leitvorstellungen zurückkehren. Die Frage sei, wie er denn Repräsentatives von Nichtrepräsentativem scheiden wolle? 60% der Akten würden im Bundesarchiv nach formalen Methoden reduziert, aber: brauche man nicht für den Rest die inhaltliche Abschätzung der historischen Relevanz von politischem Geschehen. Außerdem sei die Berücksichtigung des Einflusses der pressure groups auf politische Entscheidungen in den Bereich Nachlässe einzubeziehen.

Brigitte Booms machte darauf aufmerksam, daß bei Massenakten eine formale Auswahl möglich sei. Aber bei der Sachaktenregistratur erfolge durch eine repräsentative Auswahl ein Verzicht auf ganze Funktionsbereiche; hier müßten inhaltsbezogene Kriterien Priorität haben.

Nach diesem Kolloquium hat sich Hans Booms in der Zeitschrift Archivaria noch einmal ausführlich zu seinem Bewertungskonzept geäußert.(14) Ausgangspunkt sei für ihn 1971 die Frage gewesen, woher die Archivare ihre Wertvorstellungen nähmen bei der Entscheidung, diese Unterlagen würden zum dokumentarischen Erbe („documentary heritage“) gehören, jene aber nicht.

Die selbstverständlichen Wertprinzipien der Archivväter waren faktisch politische Werte der zeitgenössischen herrschenden Klasse. In den 50er Jahren zogen sich die deutschen Archivare dann auf die Methode zurück, die Aktivitäten aller Verwaltungskörper zu dokumentieren, die in ihren Zuständigkeitsbereich fielen. Dokumentarisches Erbe ist als die Summe von Verwaltunghandeln verstanden worden. Zur gleichen Zeit erschien Schellenbergs Veröffentlichung, die ein wichtiger Beitrag zur Bewertungsmethode war. Diese Bewertungsmethode ging von der Annahme aus, daß fast jede Regierungsaktivität Dokumentationswert habe.

Bei dem Dokumentationsplan 1971 ist es nicht - wie von Büttner vorgeworfen - darum gegangen, komplexe Wertvorstellungen zu entwickeln, sondern auf zeitgenössische reale Ereignisse zu verweisen. Büttner ist allerdings heute darin zuzustimmen, daß auch ein solcher Plan keine öffentliche Zustimmung erfahren hätte, und zwar aus gesellschaftlichem und politischem Desinteresse. Das gleiche gilt für einen Beirat.

Die DDR hat einen solchen Plan zwar 1984 realisiert, aber nicht eine einzige Akte ist damit bewertet worden, und zwar weil der Plan zu abstrakt war. Die notwendige freie öffentliche Meinung hat gefehlt, allzu offensichtlich war die Diskrepanz zwischen dem Postulat, die DDR befände sich nach 1980 im höchsten Stadium des Sozialismus und den realen Zusammenbruchssymptomen. Entstanden ist ein solcher Plan in der DDR, weil dort durch die Einbeziehung des Wirtschaftsschriftguts in den staatlichen Archivfonds das Massenproblem besonders groß gewesen sei.

Heutige Bewertung muß mit einer Analyse der Zeitgeschichte ansetzen. Zu untersuchen ist, was war kontrovers in dem zu bewertenden Zeitraum etc. Die Frage muß sein, „was soll ich dokumentieren und wo finde ich geeignete Akten.“ 60% der Akten im Bundesarchiv werden derzeit nach formalen Kriterien ausgeschieden, 25% könnten darüber hinaus durch historische Kriterien eliminiert werden. Durch die Probleme der Wiedervereinigung hat ein solches Konzept aber derzeit keine Realisierungschance.

Unter Berufung auf diese von Hans Booms formulierten Vorstellungen hat sich Josef Henke 1993 sehr vehement gegen eine nur formalen Kriterien gehorchende Bewertungstheorie gewandt.(15) Er versucht, am Beispiel von NS-Massenakten, etwa 20.000 „rassediagnostischen Gutachten“ über „Zigeuner“, die politische Dimension archivarischer Bewerungsentscheidung in Erinnerung zu rufen.

Archivfachliche Kriterien stehen hier offensichtlich moralisch politischen Grundsätzen gegenüber. Disqualifiziert sich streng archivfachliches Handeln daher in diesem Fall nicht als beispiellose Instinktlosigkeit? Oder impliziert archivfachliche Methode in bestimmten Fällen nicht auch gerade politisch-moralische Entscheidungsfaktoren? Jede archivarische Bewertungsentscheidung, mag sie noch so formal ausgerichtet sein, ist unvermeidbar in einen gesellschaftlich-politischen Kontext gestellt. Die Rassegutachten sind im weiteren Sinne Völkermordakten: Man muß die Leiden der damaligen Opfer berücksichtigen, und zwar in viel stärkerem Maße, als das archivarische Bewertungshandbücher in ihrer Ausrichtung auf das vorrangige Dokumentationsziel, die Tätigkeit der registraturbildenden Behörde zu belegen, nahelegen. Archivfachliche Methoden und Handlungsgrundsätze sind mit allgemein politischen und moralischen Forderungen in Kongruenz zu bringen. Der Archivar sollte sich nicht nur an schönen Aktenzeichen erfreuen, sondern sich einbringen in den historischen Kontext. Auch wenn es illusorisch ist, sich an zeitgenösssischen Wertschätzungen zu orientieren oder Dokumentationspläne auf Pertinenzbasis erstellen zu wollen: die Wertentscheidung des Archivars wird sich nicht im gesellschaftsfreien Raum vollziehen. Methodische Instrumentarien sind zwar wichtig, aber eben nicht mehr als methodische Instrumentarien. Diese methodischen Hilfsmittel können die politischen Entscheidungen nicht ersetzen; es ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung, ob sich die Überlieferungsbildung im Rahmen totalitärer oder pluralistischer, freiheitlich- demokratischer Gesellschaftsordnung vollzieht. Es geht bei diesem Archigut-Bestand von 30 Regalmetern nicht um die Reichsstelle für Fette und Eier - die normaler Bewertung unterliegt - sondern es geht um die leider zu spärlich vorliegenden Dokumente einer der größten Katastrophen der Weltgeschichte.

Eher zugunsten mehr „archivwissenschaftlicher Positionen“ hingegen und zuungunsten inhaltlicher Positionen sei die Tendenz der Beiträge des Bewertungskollquiuums in Marburg ausgerichtet,(16) das glaubt in einer Sammelrezension Thomas Becker analysieren zu können.(17) Die Beiträge seien von der Rezeption Schellenbergs durchzogen. Unisono sei die archivarische Meinung, sich die Bewertung nicht durch Historiker beeinflussen zu lassen. Die documentation strategy - eine derzeit in den USA und Kanada diskutierte Bewertungskonzeption - stelle den Archivar ins Abseits, der Begriff der Provenienz habe dort keine Bedeutung. In ihrem Beitrag zur documentation strategy stellt Marlene Meyer-Gebel dann heraus, Ziel der Strategie sei es, ein möglichst getreues Abbild der Institution durch die Aufstellung von Dokumentationsplänen zu erhalten,(18) und zwar methodisch durch die Suche des Archivars nach geeigneter Überlieferung, die Kooperation des Archivars mit Beratern, die Schaffung von Quellen im Fall von Lücken etc. Die Bewertung erfolge hier aufgrund eines festgefügten Bildes dessen, was dokumentiert werden solle, lautet dann die ablehnende Stellungnahme der Referentin.

Die Bewertungspraxis des Bundesarchivs wurde auf diesem Kolloquium durch einen Beitrag von Hans Dieter Kreikamp erläutert.(19)

Für spezifische Überlieferungsbereiche wird ein Bewertungsverfahren praktiziert, das der Tatsache Rechnung zu tragen versucht, die jährlich auf das Bundesarchiv hereinströmenden Aktenmassen oberster Bundesbehörden von 70 bis 90.000 Aktenbände auf möglichst effiziente Weise zu bewältigen. Bei der Entwicklung des Lösungsansatzes zur archivischen Bewertung dieser Schriftgutmengen ausschließlich der obersten Bundesbehörden konnte davon ausgegangen werden, daß in den vorliegenden Überlieferungen das Ergebnis staatlicher Verwaltungstätigkeit dem Archivar entgegentritt. Ferner wurde als Arbeitshypothese festgestellt, daß das ins Bundesarchiv gelangte Schriftgut aus der Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben erwachsen ist sowie die Entscheidungsbildung auf höchster Ebene reflektiert. Pauschale Bewertungsentscheidungen über ganze Aktenplanbereiche oder das gesamte von einer Organisationseinheit produzierte Schriftgut oberster Bundesbehörden wurden bislang im Bundesarchiv vermieden.

Die Schere zwischen fortlaufend übernommenem Schriftgut einerseits und bewertetem Archivgut andererseits klafft aber immer weiter auseinander. Der Schritt zu einem noch weiter formalisierten Bewertungsverfahren ist daher unausweichlich. In noch stärkerem Maße als bislang sollten Bewertungsentscheidungen ohne Überprüfung des einzelnen Vorganges zunächst allein auf der Grundlage von vorhandenen (Vor-)bewertungen, von (inhaltlich aussagefähigen) Abgabelisten oder von Festlegungen über ganze Aktenplangruppen oder Aktenplanbereiche getroffen werden.

Mit der Feststellung das „Provenienzprinzip als Bewerungssurrogat“ habe Hans Booms das Gegenteil der tatsächlichen Praxis des Bundesarchivs formuliert, so lautet im selben Jahr die Kritik von Angelika Menne-Haritz in ihrem Aufsatz „Das Provenienzprinzip als Bewertungssurrogat?“(20) Zudem habe er der DDR ein Modell offeriert, das dort 10 Jahre später umgesetzt worden sei. Booms selbst habe noch „erst 1991[die] Kritik von Siegfried Büttner an der Realisierbarkeit von Dokumentationsplänen mit Verweis auf die Realisierung seiner Ideen im Rahmendokumentationsprofil der DDR zurückgewiesen. [Eine] erneute Bestätigung dieser Position versuchte Josef Henke 1992 [...].“(21) Angelika Menne-Haritz wirft in ihrem Beitrag die generelle Frage auf, ob die in Ost und West einheitlich geforderte inhaltsbezogene Auswahl wirklich eine zeitgemäße Weiterentwicklung der früheren provenienzbasierten Bewertung sei oder sich heute ein Rückgriff auf diese Ansätze lohne?

Archivische Bewertung reduziert Überreste von Verwaltungstätigkeit auf aussagekräftige Quellen, macht sie nutzbar und ist wichtiger Teil archivischer Überlieferungsbildung. Eine eindeutige Zieldefinition der archivischen Bewertung fehlt bisher. Heutige Zielvorstellungen sind: Ein Abbild der Gesellschaft dokumentieren ( das ist eine Distanzierung vom Provenienzprinzip) oder ein repräsentatives Modell des Handelns und der Entscheidungsprozesse bei der Unterlagenentstehung schaffen ( das Provenienzprinzip ist hier methodische Grundlage der Bewertung). Beide Positionen haben ihre Wurzeln in der Archivgeschichte. Der inhaltsorientierte Ansatz, der vorgibt das Interesse der Geschichtsforschung zu berücksichtigen, indem er historische Ereignisse dokumentiert, ist ahistorisch, weil er durch Berücksichtigung spezieller Fragen Unterlagen für andere Fragestellungen verschließt. Der inhaltsneutrale, unparteiische provenienzorientierte Ansatz ermöglicht hingegen Einsicht in historische Abläufe.

In BRD und DDR wurde der inhaltsorientierte Ansatz gegenüber dem provenienzorientierten favorisiert und damit wird die Archivwissenschaft abgwertet. Weder in BRD noch DDR erfolgt ein Anknüpfen an die Archivtheorie vor dem Zweiten Weltkrieg. Nachkriegsdeutschland formulierte eine Bewertungstheorie, die das Provenienzprinzip ablehnte - inhaltsorientierte Auswahl war die vorherrschende Methode. 1970 wird von Booms der inhaltsorientierte Ansatz in den Rang einer Bewertungstheorie erhoben. Booms plädiert eindeutiger als seine Vorgänger für eine vollständige Dokumentation der Gesellschaft als archivarische Aufgabe. Inhaltsbezogene Auswahl war auch Grundlage der Bewertung in der DDR. Einige wichtige Elemente der DDR-Bewertungstheorie können die Gefahren einer inhaltsorientierten Auswahl aufzeigen: Die inhaltsorientierte Auswahl öffnete die Archivarbeit für die politische Instrumentalisierung, indem politisch vorbestimmte Kriterien von außen herangetragen wurden, sie entzog der Archivwissenschaft ihre Autonomie und reduzierte sie zur Erfüllungsgehilfin und führte zur Entprofessionalisierung und zum gesellschaftlichen Akzeptanzverlust. Prämisse des Rahmendokumentationsprofils war: Der Wert des Schriftguts bestimmt sich durch die gesellschaftliche Bedeutung der Ereignisse, etc., auf das es sich bezieht.

Nicht die archivarische Qualifikation erlaubte Bewertungsentscheidungen, sondern eine Zusatzqualifikation als Historiker. Politische Ziele führten dazu, eine professionelle Bewertungspraxis, die vor der Auswertung geschehen muß, durch einen Katalog antizipierter Ergebnisse der Forschung zu esetzen.

Auch in der gegenwärtigen internationalen Diskussion dominieren derzeit inhaltsbezogene Ansätze, allerdings wird die Gültigkeit des Provenienzprinzips für Bewertungsentscheidungen nicht mehr angezweifelt, unterschiedlich ist der Einfluß auf das Ausmaß der Konzepte, insb. in der „documentation strategy“ und „acquisition strategy“. Die Bewertung von Behörden ersetzt die Bewertung ihrer Unterlagen.

Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Unterstellung: Das Ziel archivischer Arbeit ist Repräsentation eines Gesellschaftsbildes, das so wahr wie möglich sein soll. Eine Evaluierung von Aktenproduzenten nach ihrem Einfluß auf gesellschaftliche Veränderungen ist die Folge, ähnlich dem Ansatz der BRD der 50er und der DDR mit ihren Registraturbildnerkategorien. Die Organisation selbst spielt keine Rolle, sie gilt als zufälliger Speicher dieser Informationen.

Neue Bewertung hingegen benötigt eine neue Zieldefinition, die nicht das Abbild der Gesellschaft anstrebt. Dazu sind Ansätze in der Weimarer Republik vorhanden, nämlich nachzuweisen, wie eine Dienststelle gearbeitet hat. Das Provenienzprinzip muß weiter angeben können, warum bewertet wird, denn sonst ist die Theorie der Bewertung der Organisationseinheiten statt ihrer Unterlagen die logische Folge. Der Blick in die Archivgeschichte zeigt unterschiedliche Zielsetzungen für die Institution Archiv. Mittelalterliche Urkundenschatzkammern werden zu Dokumentenmuseen, wenn sie keine rechtserheblichen Unterlagen mehr bewahren. Antike Archive hingegen stehen für die Öffnung der Archive und für Transparenz von Verwaltungsentscheidungen, sie waren auf Öffentlichkeit gerichtet und für die Zukunft bestimmt, standen in der Trägerschaft des Ausstellers. Insgesamt dominiert in der Archivgeschichte mehr die mittelalterliche Linie. Ziel muß es sein, daß die modernen Staatsarchive in der demokratischen Gesellschaft als Ausstellerarchive zeigen, wie Entscheidungen in Politik und Verwaltung zustande gekommen sind. Als Teile des Verwaltungsapparats sind Staats- und Stadtarchive Ausstellerarchive. Die Bewertung als Kernbereich archivischer Fachaufgaben wird sich in Zukunft stärker der Transparenz, Öffnung und Zugänglichkeit als inhaltsorientiert den geheimwissenschaftlichen Elementen des Berufs zuwenden müssen. Das freie Provenienzprinzip Brennekes und die Bewertungstheorie Schellenbergs zeigen die Perspektiven: Schellenbergs Bewertungstheorie differenziert zwischen Primärwert und Sekundärwert, der wiederum Evidenzwert und Informationswert beinhaltet. Erst nach der Analyse des Evidenzwertes erfolgt die des Informationswertes. Das Ziel, Sachgemeinschaften transparent und evident zu machen - wie es von Brenneke für die Verzeichnung und von Schellenberg für die Bewertung formuliert worden ist - ist heute noch keinesfalls breiter akzeptiert. Archivare werden heute als unersetzbare Spezialisten für die Aufbereitung von Evidenz benötigt. Niemand kann Sachgemeinschaften in Verwaltungsunterlagen so transparent machen. Archivare bilden Überlieferung, indem sie komplexe Handlungsstrukturen in ihren Vernetzungen evident machen.

Den in Anlehnung an Schellenberg von Menne-Haritz geprägten „Evidenz“-Begriff kritisiert Wolfgang Hans Stein 1995 durch einen Vergleich der französischen und deutschen Schellenberg-Rezeption.(22) Während im Französischen der Begriff „evidential value“ mit „valeur de temoinage“ übertragen werde, sei er im Deutschen zunächst als Evidenzwert und dann zu Evidenz hypostasiert worden. Aus Akten Behördenvorgänge zu rekonstruieren habe aber nichts mit unmittelbarer Anschauung zu tun und sei nicht unter dem phänomenologischen Wahrheitsbegriff zu subsumierern. Der anglo-amerikanische Begriff evidence komme aus dem common law und meine Beweiserhebung durch intellektuellen Schluß, eben nicht direkte Anschauung. Man solle deshalb nicht nur mit Norbert Reimann von „sogenannter Evidenz“ sprechen sondern den Begriff ganz aufgeben. Genauer sei von Quellenwert oder Aktenwert zu sprechen. Mit dem Schellenbergschen Ansatz der Auswahl des Besonderen (Informationswert) und der Auswahl von Organisationsunterlagen und Akten zum Nachweis der Funktion der Behörde sei noch keineswegs die Gesamtüberlieferung erfaßt: der weite Bereich des Behördenhandelns fehle - in Frankreich als „l´action administrative“ bezeichnet.

1996 hat dann Ulrich Fellmeth die Bewertungsdiskussion noch einmal nachgezeichnet.(23) Er bezieht in seinem abschließenden Plädoyer eindeutig Stellung für eine inhaltsbezogene Auswahl und gibt kritisch zu bedenken:

Neu ist bei Angelika Menne-Haritz, daß die Evidenz von Verwaltungshandeln nicht Voraussetzung für Quellenbewertung, sondern Ziel archivischer Bewertung sein soll. Hier ist Booms Kritik anzusetzen: ein so auf Behörden fixiertes Archivwesen kann nicht gesellschaftliche Prozesse abbilden. Gegen Booms Dokumentationsplan ist allerdings einzuwenden, daß auch ein Beirat instrumentalisierbar sein kann. Stattdessen sollte die Summe individueller gesamtgesellschaftlicher Abbildungsversuche als optimale Überlieferungsbildung verstanden werden. Die Archivlandschaft in der BRD ist im staatlichen, kommunalen und privaten Bereich sehr dicht; eine uneinheitliche, variantenreiche Überlieferung bietet späterer Forschung eine pluralistische Fülle. Das entspricht gegenwärtiger Praxis - harrt aber noch auf eine theoretische Begründung.

Wenn im Archiv nicht mehr ein Abbild der Tätigkeit einzelner Behörden, Wirtschaftsunternehmen etc. angestrebt wird, sondern ein Abbild gesamtgesellschaftlicher Entwicklung, so erfordert dies grundlegende Wandlungen in der Tätigkeit des Archivars: vom behördenbetreuenden Aktenbewahrer zu einem voll im politischen und gesamtgesellschaftlichen Prozeß stehenden Überlieferungsbildner. Hier besteht ein enger Zusammenhang zum Berufbild. So erklärt sich zum Teil auch der Marburger Ansatz: im hoheitlichen Apparat bleiben, klare Abgrenzungen zu Museum, Bibliothek, Historikern, Dokumentaren erreichen.

Soviel zum gegenwärtigen Diskussionsstand. Ich werde im folgenden zu einigen in diesen Beiträgen entwickelten Gedanken Stellung nehmen und versuchen, abschließend einige Perspektiven zu skizzieren, die m.E. die Richtung der zukünftigen archivwissenschaftlichen Bewertungsdiskussion in der Bundesrepublik bestimmen sollten.

Die Auffassung, kein gesellschaftliches Abbild schaffen zu wollen, vereint die Gegner des von Hans Booms vorgetragenen Konzepts. Sie fixieren sich dabei - mit Ausnahme von Angelika-Menne-Haritz, die dafür allerdings mit einer unhaltbaren Unterstellung aufwartet(24) - nur auf den Dokumentationsplan und gehen auf die anderen grundlegenden Gedanken des Boomsschens Beitrags nicht ein. Eine genauere Rezeption des Beitrags von Hans Booms zeigt, daß der Dokumentationsplan nur ein Element in diesem Konzept darstellt. Die Kerngedanken seiner Analyse sind: Archivarische Bewertung schafft historische Quellen als einen zentralen Teil dokumentarischen Erbes. Das dokumentarische Erbe ist von den Archivaren bisher überwiegend nur als die Summe des Verwaltungshandelns verstanden worden. Die Summe der amtlichen Überlieferung ist aber nicht identisch mit einer Abbildung des realen Lebens. Archivarische Aufgabe ist es daher, gesamtgesellschaftliche Überlieferungsbildung zu betreiben. Der Dokumentationsplan ist in diesem Konzept also als ein erster Versuch zu werten, eine Antwort auf die dabei entstehende Auswahlproblematik zu geben.

Büttner und Uhl beziehen sich nun in ihrer Ablehnung nur auf den Dokumentationsplan und argumentieren, ein solcher Plan sei nicht realisierbar, er sei in jeder pluralistischen Gesellschaft eine Aporie. Uhl plädiert deshalb für eine Fortsetzung der reinen Methodendiskussion und verfällt damit - wohlwissend - dem Boomsschen Verdikt, daß ein solches Vorgehen die dahinterstehenden Wertvorstellungen verdecke. Keine Bewertung - darauf hat Josef Henke zurecht hingewiesen - vollzieht sich, auch wenn sie vorgibt nur methodisch-formal zu sein, im gesellschaftsfreien Raum, sondern sie ist unvermeidbar in einen politischen Kontext gestellt. Henke hat weiterhin - wie Hans Booms selbst - zurecht betont, daß das Zustandekommen eines Dokumentationsplans in den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen BRD/DDR ganz unterschiedlich zu werten sei. Es besteht ein fundamentaler Unterschied, ob in einer totalitären Gesellschaft ein geschlossenes Geschichtbild existiert und lediglich dokumentiert werden soll,(25) oder aber in einer pluralistischen Gesellschaft die unterschiedlichen und offenen Geschichtsbilder als Leitbilder fungieren.

Diesen Unterschied verkennt auch Angelika Menne-Haritz, wenn Sie das legitimatorische Geschichtsbild der DDR als Argument gegen eine inhaltsorientierte Auswahl schlechthin anführt. Der als positives Beispiel eines offenen Bewertungsverfahrens von ihr vorgenommene Rückgriff auf die Bewertungstheorie in der Weimarer Republik zeugt dabei von wenig historischem Verständnis und ist zudem äußert oberflächlich recherchiert. Die Annahme, bei der vor allem am Reichsarchiv in der Weimarer Republik entwickelten Bewertungstheorie sei es um Wertfreiheit sowie ausschließlich um die Bewertung und Übernahme von Verwaltungsschriftgut gegangen, erweist sich bei genauerer Analyse als ahistorisch und sachlich falsch.(26)

Richtig ist allerdings, daß der zukünftige Quellenbedarf der Geschichtsforschung der BRD - wie der jedes offenen, pluralen Systems - wegen des gesellschaftlichen Wandels und den - zum Teil daraus resultierenden - wechselnden Forschungsparadigmen nicht prognostizierbar ist, was sich sehr leicht im Rückblick schon auf die letzen 30 Jahre historischer Forschung veranschaulichen ließe. Der sich hier abzeichnende Trend ist allerdings eindeutig: Eine Verbreiterung des Geschichtsbildes und der an historischer Forschung im weitesten Sinne partizipierenden Gruppen ist zu konstatieren, eine Abkehr von der traditionellen politischen Geschichte. Deshalb ist die als Lösung vorgeschlagene Alternative - Transparenz von Verwaltungshandeln durch „Evidenzanalyse“ - in mehrfacher Hinsicht falsch und zudem keinesfalls, wie postuliert, „wertneutral“, sondern im Gegenteil ganz einseitig etatistisch: Es kann bei der Bildung des dokumentarischen Erbes für zukünftige Generationen doch wohl nicht - wie Norbert Reimann zurecht feststellte(27) - darum gehen - die Funktion und Kompetenz möglichst aller Verwaltungsbehörden abzubilden. Zu sichern sei die Information, die gesellschaftliche Entwicklung belege. Hier sei die Funktionalität von Behörden nur insoweit zu berücksichtigen, wie sie für die Interpretation der Information nötig sei, d.h., das Provenienzprinzip in seiner Funktion als Element historischer Quellenkritik muß berücksichtigt werden.

Die Frage nach der Überlieferungswürdigkeit des Schriftguts der einzelnen Behörde im Schellenbergschen Sinne setzt eine Evaluierung des Informationswertes der Aufgabe voraus. Dieser wird sich für die Bundesforschungsanstalt für Getreide- und Kartoffelverarbeitung sicherlich anders bemessen müssen als für das Bundesamt für Verfassungsschutz.(28) Natürlich ist - unter Berücksichtigung dieser historisch-politischen Relevanz der Behörde - die Schaffung einer Transparenz von Verwaltungshandeln - da stimme ich Angelika Menne-Haritz vollkommen zu - eine außerordentlich wichtige archivarische Aufgabe. Aber wie soll denn durch die Analyse nonverbaler Zeichen eine Überlieferung geschaffen werden, die zeigt, „wie Entscheidungen in Politik und Verwaltung zustande gekommen sind“,(29) wenn sich schon aus dem Gesamtkontext der Verwaltungsunterlagen die wirklichen Entscheidungen nicht mehr rekonstruieren lassen, da sie in ganz anderen, in Nicht-Verwaltungsgremien und Institutionen ablaufen, ein Phänomen, auf das die documention strategy zu reagieren versucht. Die von Angelika Menne-Haritz betriebene Hypostasierung von „Evidenz“ zu einem fast kantisch-philosophischen Begriff der reinen Anschauung hat im übrigen nichts mehr mit Schellenbergs Konzept gemeinsam, auch wenn sie sich darauf beruft.(30) Schellenberg spricht beim Nachweis des „evidential value“ von Akten und Aktengruppen, die den Nachweis der Aufgabenerledigung repräsentieren. Angelika Menne-Haritz hingegen spricht vor allem von aktenkundlichen Formalia, nonverbalen Zeichen als angeblichen Garanten neutraler „Evidenz“.

Zusammenfassend ist festzuhalten: Die sich derzeit als wertneutrale Bewertungskonzeption darstellende „Evidenzwertanalyse“ trägt nicht zu einer objektiveren Überlieferungsbildung bei sondern führt bei konsequenter Anwendung zu einer hochgradigen Verzerrung der Überlieferungsbildung, da die „Evidenzwertanalytiker“ nur noch staatliche Teiltätigkeiten als Überlieferungsmöglichkeit im Blick haben und selbst für dieses Verwaltungshandeln mit ihrer Methode keine Handlungstransparenz herstellen können. Treffender als mit den Worten von Hans Booms aus dem Jahre 1971 läßt sich dieses Konzept kaum charakterisieren: Leitwert ist immer noch die Herkunft des Materials vom verabsolutierten Staat, ein a priori wertbehafteter Stoff, der gebunden in den Herkunftszusammenhang des Provenienzprinzips anfällt und bei dem sich die Kassation daher im wesentlichen darauf beschränken kann, das Ephemere auszuscheiden, um das Wesentliche des Organismus klarer herauszumodellieren. Dieses Konzept impliziert eine Überbewertung der institutionellen Öffentlichkeit zuungunsten der informellen. Die moderne Sozialwissenschaft hat hier nicht hellsichtig gemacht für das konstitutive Element der Gesellschaft.

Eine mehr an der modernen Sozialwissenschaft und der darauf aufbauenden Sozial- und Gesellschaftsgeschichte als an einer „autonomen Archivwissenschaft“ orientierte Überlieferungsbildung sollte neben einer funktionalen Analyse der Registraturbildner, ihrer Einordnung in Wertkategorien nach historisch-politischen Maßstäben, dem Aspekt der in der bundesdeutschen archivfachlichen Literatur immer noch stiefmütterlich behandelten sogenannten „Sammlung“ eine wesentlich stärkere Bedeutung beimessen. Herbert Obenaus hat in seinem vorausschauenden Vortrag auf dem Archivtag in Hamburg darauf aufmerksam gemacht, daß die derzeitigen und künftigen gesellschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik und die neuen sozialen Bewegungen die Archive vor neue dokumentarische Aufgaben stellen werde: dazu werde die traditionelle Sammlumgsabteilung kaum ausreichen. Vorbildhaft unter diesem Aspekt seien die Präsidenten-Bibliotheken in den USA. Zukünftige Archivarbeit sei unabdingbar verbunden mit wertfreier Öffnung für die aktuellen Gesellschaftsströmungen und -entwicklungen, mit ausgeprägter Feinfühligkeit für die Tendenzen des politischen, sozialen und kulturellen Alltags, mit Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen etc. In diesem Kontext hat Hans-Werner Langbrandtner für die „gefährdete Überlieferung gesellschaftlicher Gruppen“ das methodische Erfassungsinstrument eines „Katasters sonstiger Archive“ gefordert. Es gibt eine Fülle weiterer Anregungen und guter Ideen aus der Praxis, wie die Aufgabe einer umfassenden gesellschaftlichen Überlieferungsbildung gestaltet werden kann, auf die ich hier leider im einzelnen nicht einzugehen vermag. Ist jedoch dieser in der gegenwärtigen Praxis zu beobachtende Abbildungspluralismus schon ausreichend zur Absicherung einer gesamtgesellschaftlichen Überlieferungsbildung? Zum einen bin ich im Gegensatz zu Ulrich Fellmeth der Ansicht, daß eine solche Überlieferungsbildung nicht schon flächendeckend in der Bundesrepublik diagnostiziert werden kann, sondern daß es sich leider nur um ein in kleineren archivischen Teilbereichen blühendes zartes Pflänzchen handelt. Zum anderen fehlt eine fundierte archivwissenschaftliche Theorie. Gegenstand einer solchen Theorie in einer sich historisch-politisch verstehenden Archivwissenschaft wäre in Bezug auf das dokumentarische Erbe das Problem der Objektivität der Überlieferungsbildung im gesamtgesellschaftlichen Rahmen. Sie hätte im Hinblick auf Bewertungskonzepte und -modelle u.a. einzubeziehen, daß und wie ein Einfluß des Staates auf die Überlieferungsbildung stattfindet, daß und wie ein Einfluß des Gesellschaftsystems auf die Überlieferungsbildung stattfindet, daß und wie Überlieferungsbildung in nicht-archivischen Bereichen stattfindet, daß und wie sich die Strukturierung der archivischen Bereiche auf die Überlieferungsbildung auswirkt etc.(31)

Die Auswirkungen dieser Einflüsse auf die Überlieferungsbildung wären in einem Dokumentationskonzept zu berücksichtigen, mit dem Ziel, eine möglichst ausgewogene Abbildungsdichte zu erhalten. Ein Konzept nicht im Sinne einer starren Durchführungsverordnung, sondern eines Kompromisses, in das die Perspektiven der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen einzufließen hätte, das Handlungs- und Interpretationsspielräume offen ließe, daß entsprechend den gesellschaftlichen Veränderungen und den Paradigma-Änderungen in der Geschichtswissenschaft steter Fortschreibung durch Diskussion bedürfte. Pluralismus impliziert keineswegs Planungsaporie sondern vielmehr Planungsoffenheit.

Nun mag es den Praktiker vor Ort zunächst nicht stören, daß inhaltliche Bewertungsverfahren derzeit theoretisch von der „autonomen Archivwissenschaft“ als rückwärtsgewandt und ideologieverdächtig bezeichnet werden. Kein Archivar wird aber ständig mit dem Bewußtsein arbeiten können, in einer zentralen Frage wie der Bewertung nicht „archivwissenschaftlich“ sondern „ inhaltlich“ zu handeln. Ganz deutlich wird m.E. der Einfluß der derzeit dominierenden Theorie in der Rezension von Thomas Becker zu dem Bewertungskolloquium in Marburg. „Archivwissenschaftliche Positionen“ werden hier „inhaltliche Positionen“ gegenübergestellt, als ob ein objektiver Gegensatz tatsächlich bestünde.(32) Die Marburger Rezeption Schellenbergs wird bereits als Schellenberg selbst verstanden und die umfangreiche „documentation strategy“- Diskussion in Nordamerika nach einem einzigen deutschen second-hand Aufsatz beurteilt.

Kurzfristig ist daher die gegenwärtige Dominanz dieser Theorie zu brechen. Das hinter dieser „autonomen Archivwissenschaft“ stehende Erkenntnisinteresse hat Ulrich Fellmeth ziemlich klar beschrieben: Als verwaltungsinterne Institution im hoheitlichen Apparat bleiben und daher klare Abgrenzungen zu - oder noch besser Ausgrenzungen von(33) - Museum, Bibliothek, Historikern, Dokumentaren erreichen. Nicht voluntaristische Abgrenzung und Ausgrenzung, sondern Offenheit gegenüber den benachbarten Disziplinen, nicht second-hand Information, sondern Information aus erster Hand über die Diskussionen der Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern ist dazu ein geeignetes Mittel.

Ein erstes wichtiges Ziel ist m.E. dann erreicht, wenn eine allgemeine Akzeptanz unter den bundesrepublikanischen Archivaren dafür hergestellt ist, daß es sich bei der gesamtgesellschaftlichen Überlieferungsbildung im gesellschaftlich-politischen Bereich um eine originär archivarische Aufgabe handelt, um deren Lösung wir uns stets bemühen müssen. Nur wer das dokumentarische Erbe, die Überlieferungsbildung mit dem Gros der Archivväter als Summe amtlichen Handelns versteht, kann sich mit angeblich „inhaltsfreier Methodik“ begnügen, muß jeglichen Diskussionsversuch zur Entwicklung einer Dokumentationsstrategie als ideologisch ablehnen, braucht sich um das Wie gesellschaftlicher Abbildung keine Gedanken zu machen. Wer dagegen gesamtgesellschaftliche Überlieferungsbildung als archivarische Aufgabe begreift, muß sich dieser Diskussion stellen.

Die gegenwärtige archivarische Diskussion um die Verwaltungsreform könnte ein Ansatz sein den Blick dafür zu öffnen, daß die derzeit archivwissenschaftliche Trennung von “Sammlungsgut“ und „Archivgut, das uns organisch zuwächst“, unter der Aufgabenstellung gesamtgesellschaftlicher Überlieferungsbildung äußerst problematisch ist. Die im Gang befindliche Verwaltungsreform - so das Fazit auf dem Hamburger Archivtag - zielt darauf ab, öffentliche Leistungen durch private Anbieter abdecken zu lassen. Als Folge einer Privatisierung von staatlichen Aufgaben kommt es zu einer Beschneidung der den Archiven genuin zukommenden Aufgabenbereiche. Jahrhundertelang bestehende Überlieferungsstränge drohen gekappt zu werden Was also tun, wenn die verschiedenen Registraturbildner unserer jeweiligen Archivträger, auf die wir uns in aller Bescheidenheit beschränken sollten, uns sukzessive entzogen werden? Wie sagt doch der Volksmund: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter ....

_______________________________________________

1) Bodo Uhl: Bewertung von Archivgut, in: Der Archivar 43 (1990), Sp. 529 - 538, Sp. 536 (im folg. Uhl, Bewertung).

2) Vgl. zum folgenden Hans Booms: Gesellschaftsordnung und Überlieferungsbildung - Zur Problematik archivarischer Quellenbewertung, in: Archivalische Zeitschrift, 1972, S. 3 - 40. (Erweiterte Fassung des Vortrags auf dem Archivtag in Dortmund 1971 zum Thema Erfassung und Bewertung).

3) Vgl. Anm. 4.

4) Den Methoden widmeten sich die Referate von Ottnad, Diederich, Dascher und Kahlenberg - darauf hatte Booms in seinem Aufsatz ausdrücklich hingewiesen. Dies ignoriert z.B. Kretzschmar in einer seiner jüngsten Stellungnahmen zum Boomsschen Bewertungskonzept. Dieser Beitrag von Kretzschmar ist ein typisches Beispiel dafür, daß Booms nicht hinreichend rezipiert wurde. Vgl. Robert Kretzschmar: Vertikale und horizontale Bewertung, in: Der Archivar 49 (1996), Sp. 257 - 260.

5) Dieser Teil des Boomsschen Beitrags ist hier nicht wiedergegeben.

6) Dort heißt es u.a.: Bei der englisch-sprachigen Rezeption des Boomsschen Beitrags seien bisher die „social, political, and philosophical issues behind archival appraisal“ vollkommen übersehen worden und eine Übersetzung wäre daher „of great benefit to the North American archival community.“ Vgl. die Einführung der Herausgeber und Übersetzer, Hermina Joldersma und Richard Klumpenhouwer zum Beitrag von Booms: Society and the Formation of a Documentary Heritage: Issues in the Appraisal of Archival Sources, in: Archivaria 24 (Summer 1987), S. 69 - 107, S.70.

7) Siegfried Büttner: Ressortprinzip und Überlieferungsbildung, in: Aus der Arbeit der Archive, Beiträge zum Archivwesen, zur Quellenkunde und zur Geschichte, Festschrift für Hans Booms, hrsg. v. Friedrich P. Kahlenberg, Boppard 1989, S. 153 - 161, S.160.

8) Uhl, Bewertung (wie Anm. 1), Sp. 535.

9) Ebd, Sp. 536.

10) Vgl. die zusammenfassende Wiedergabe der Beiträge und der Diskussionen: Archivarische Bewertung in Deutschland - Bilanzen und Perspektiven, in: Archivmitteilungen 41 (1991), S. 101 - 130 (im folg. Archivarische Bewertung). Ich werde hier nicht auf die Diskussion um die bewertungstheoretischen Ansätze in der ehemaligen DDR eingehen, das erforderte eine gesonderte Abhandlung.

11) Angelika Menne-Haritz: Anforderungen der Bewertungspraxis an die archivische Theorie, ebd., S. 101 - 108.

12) Vgl. zum folgenden: Archivarische Bewertung (wie Anm. 10), S. 127ff.

13) Im wesentlichen enthält dieser Beitrag von Uhl seine Vorstellungen wie oben ausgeführt.

14) Hans Booms: Überlieferungsbildung: Keeping Archives as a Social and Political Activity, in: Archivaria 33 (Winter 1991/92), S.25 - 33.

15) Josef Henke: Quellenschicksale und Bewertungsfragen. Archivische Probleme bei der Überlieferungsbildung zur Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41, 1993, S. 61 - 77 (im folg. Henke, Quellenschicksale).

16) Bilanz und Perspektiven archivischer Bewertung. Beiträge eines archivwissenschaftlichen Kolloquiums, hrsg.von Andrea Wettmann, Marburg 1994 (im folg. Bilanz und Perspektiven). Ich werde im folgenden nur auf einige wenige Beiträge eingehen können.

17) Rezension von Thomas Becker, in: Der Archivar 49 (1996), Sp. 487 - 489.

18) Marlene Meyer-Gebel: Die Documentation-Strategy in den USA, in: Bilanz und Perspektiven (wie Anm. 16), S. 147 - 157.

19) Hans-Dieter Kreikamp: Das Bewertungsmodell des Bundesarchivs - Federführung als Bewertungskriterium, in: ebd., S. 83 - 87.

20) Angelika Menne-Haritz: Das Provenienzprinzip - ein Bewertungsurrogat? Neue Fragen einer alten Diskussion, in: Der Archivar 47 (1994), Sp. 229 - 252.

21) Ebd., S. 237.

22) Wolfgang Hans Stein: Die Verschiedenheit des Gleichen, Bewertung und Bestandsbildung im archivischen Diskurs in Frankreich und Deutschland, in: Der Archivar 48 (1995), Sp. 597 - 612 (im folg. Stein, Verschiedenheit).

23) Ulrich Fellmeth: Das Problem der Auswahl überlieferungswürdigen Schriftguts und die Bewertungsdikussion in der Archivwissenschaft, in: Hohenheimer Themen, Zeitschrift für kulturwissenschaftliche Themen, Bd V (1996), S. 39 - 59.

24) Ich beziehe mich hier auf die Äußerung von Angelika Menne-Haritz, Booms selbst habe noch „erst 1991[die] Kritik von Siegfried Büttner an der Realisierbarkeit von Dokumentationsplänen mit Verweis auf die Realisierung seiner Ideen im Rahmendokumentationsprofil der DDR zurückgewiesen. [Eine] erneute Bestätigung dieser Position versuchte Josef Henke 1992 [...].“ Vgl. dagegen Booms eindeutige Stellungnahme zur Nichtrealisierbarkeit des Dokumentationsplans nach seinen Vorstellungen in der ehemaligen DDR weiter oben.

25) Ob ein solches Vorhaben, ein geschlossenes Geschichtsbild zu dokumentieren, überhaupt realisierbar ist und ob, bzw. wieweit es in der archivarischen Praxis der DDR realisiert wurde, kann ich hier nicht diskutieren.

26) Vgl.dazu genauer meine Ausführungen auf dem Archivtag in Darmstadt: Nur „zölibatäre Vereinsamung?“ - Zur Situation der Archivwissenschaft in der Bundesrepublik 1946 - 1996, z.Z. noch unter meiner homepage: fh-potsdam.de.

27) Vgl. Norbert Reimann: Anforderungen an die archivarische Bewertung von Öffentlichkeit und Verwaltung, in: Bilanz und Perspektiven (wie Anm. 16 ), S. 181 - 191, S. 187f.

28) Vgl. dazu auch Josef Henke mit dem Beispiel der Reichsstelle für Fette und Eier weiter oben.

29) Angelika Menne-Haritz verkennt zudem in ihrem Plädoyer gegen „Dokumentenmuseen“ und für „Ausstellerarchive mit rechtserheblichen Unterlagen“ den in allen Archivgesetzen klar definierten Schnitt zwischen Archiv und Verwaltung.

30) Vgl. auch die Ausführungen Wolfgang Hans Steins weiter oben.

31) Um hier nicht nur zu theoretisieren, einige wenige Hinweise aus der Praxis. Das privatwirtschaftliche System führt zu einer eindeutigen Unterrepräsentation der Wirtschaftsüberlieferung - nicht einmal das Archivgut von Unternehmen im Eigentum der öffentlichen Hand „wächst uns organisch“ zu. Wie reagieren wir auf Internationalisierung und Globalisierung? Alle Welt redet von der multimedialen Gesellschaft - nicht einmal das Archivgut der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist archivrechtlich gesichert. Aufbewahrungsfristen und Rechtsvorschriften der Verwaltung werden zu Bewertungsnormen, Verwaltung und Staat werden damit über-, Gesellschaft und Individuum unterrepräsentiert. Was soll die nächste Generation an Opfer-Perspektiven den Regalkilometern Stasi-Täterperspektiven entgegensetzen? Führt nicht die enge Orientierung der öffentlichen Archivorganisation an den Verwaltungsstrukturen zu Defiziten, z.B. in der kommunalen Überlieferung für die untereren staatlichen Verwaltungsbehörden etc. etc.

32) Hans-Dieter Kreikamp - der konstatieren muß, daß das formale Bewertungsmodell des Bundesarchivs an seine Grenzen gestoßen ist, fordert deshalb als Konsequenz nicht das, was logisch konsequent wäre, nämlich die Einbeziehung inhaltlicher Kriterien, sondern eine noch weitere methodische Formalisierung.

33) Zu den voluntaristischen Abgrenzungsversuchen der „autonomen Archivwissenschaft“ vgl. den Beitrag: Integration oder Isolation? Wie soll die Archivarsausbildung in der Zukunft gestaltet werden?, von einem Autorenkollektiv unter meiner Leitung, z.Z. noch unter meiner homepage:fh-potsdam.de, im Druck in der Januar-Ausgabe „Der Archivar“ 1997.