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Nur "zölibatäre Vereinsamung?" - Zur Situation der Archivwissenschaft in der Bundesrepublik 1946 - 1996


"Solange aber die Archivwissenschaft sich nicht aus ihrer zölibatären Vereinsamung befreit und Anschluß an ihre wissenschaftliche Umgebung sucht, solange werden ihre Untersuchungen ohne intellektuelle Attraktivität bleiben und ihre Ergebnisse ohne Leser".

Diese kritische Bemerkung des bayerischen Kollegen Gerhard Leidel aus dem Jahre 1994 bezieht sich konkret auf das von Angelika Menne-Haritz herausgegebene Bändchen "Schlüsselbegriffe der Archivterminologie".

Diese Kritik wirft für mich eine generellere Frage auf: Zeichnete sich die bundesrepublikanische Archivwissenschaft bisher nur durch zölibatäre Vereinsamung aus oder gab es auch Ansätze, die dieser Vereinsamung zu entfliehen versuchten?

Für die Situation der archivwissenschaftlichen Standardwerke in der Bundesrepublik gilt noch immer die von Eckart G. Franz in seiner "Einführung in die Archivkunde" für die bundesrepublikanische Archivwissenschaft nicht sehr schmeichelhafte Bestandsaufnahme:

Ein umfassendes modernes Handbuch des Archivwesens in deutscher Sprache stehe noch aus. Grundlegend für die Entwicklung einer deutschen Archivwissenschaft seien die Arbeiten von Brenneke/Leesch und Johannes Papritz gewesen.

Wie steht es nun um die archivwissenschaftliche Qualität dieser beiden Standardwerke.

Das vierbändige Werk von Johannes Papritz mit dem Titel "Archivwissenschaft" ist den Marburger Absolventen unter uns allen vertraut. Einigen gilt Papritz als Nestor der bundesrepubilkanischen Archivwissenschaft. Viele von uns sind jedoch auch mit dem "Volkspapritz" - einer abgeschlankten Ausgabe oder "lean-version" - wie man heute sagen würde - nicht nur gut durch die Prüfung sondern vor allem auch in ihrer archivischen Praxis im späteren Leben sehr gut zurecht gekommen.

Wie ist das zu erklären ?

Papritz selbst definiert Archivwissenschaft im engeren Sinne als ein Lehrfach, daß sich aus einer Gruppe mehr oder weniger eigenständiger Sonderfächer zusammensetzt, die für die Ausübung des wissenschaftlichen Archivdienstes benötigt würden - nachdem er als Resumee der Analyse der Inhalte des Begriffs "Archivwissenschaft" in der Fachliteratur glaubt konstatieren zu müssen, daß eine fatale Sprachverwirrung festzustellen sei.

Die von Papritz in Marburg in diesem Lehrfach gehaltenen Vorlesungen bilden die Grundlage für die vierbändige Publikation mit dem Titel "Archivwissenschaft" mit folgenden Inhalten: Grundbegriffe/ Terminologie - Organisationsformen des Schriftguts in Kanzlei und Registratur ( die Strukturlehre) und die archivische Ordnungslehre.

Ich kann im folgenden nur auf den grundlegenden Abschnitt "Grundbegriffe/Terminologie" eingehen.

Papritz äußert sich dort zur Frage der Wissenschaftlichkeit des Fachs. Ob es eine Archivwissenschaft gebe, werde in erster Linie durch die Methode entschieden, sei sie wissenschftlich dann handele es sich doch wohl um Wissenschaft.

Erst in zweiter Linie sei zu prüfen ob der Gegenstand - also die Archive - umfassend und eigenständig genug seien, um von einer Archivwissenschaft sprechen zu können.

Interessant ist nun, wie Papritz den wissenschaftlich zu betrachtenden Gegenstand "Archiv" definiert: Seine Definition basiert auf der Friedrich Küchs, die dieser im ersten Band des Inventars zum Bestand des Politischen Archivs Philipps des Großmütigen gegeben hatte -

für die Zeithistoriker unter uns zur genaueren Information:

Philipp der Großmütige - Hessischer Landgraf, lebte von 1504 - 1567; der 1. Band des Inventars von Küch erschien im Jahre 1904. Die Definition Küchs lautet: "Ein Archiv ist die Gesamtheit der im Geschäftsgang oder im Privatverkehr organisch erwachsenen, zur dauernden Aufbewahrung bestimmten schriftlichen Überreste einer Behörde, Körperschaft, Familie oder einzelnen Person."

Alle anderen Definitionen, die den Zweck der Aufbewahrung einzubeziehen versuchen, lehnt Papritz kategorisch ab - so z.B. die Formulierung von Brenneke/Leesch 1953, daß die Überreste "als Quellen und Belege der Vergangenheit zur dauernden Aufbewahrung bestimmt sind".

Der Zweck der Bewahrung sei bloßes Erbteil der Auffassung der Historiker-Archivare. Es lohne sich nicht, die Zwecke kritisch auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, denn die Zwecke hätten sich in der Geschichte gewandelt.

Hier ist noch für die Nicht-Marburger und zur Auffrischung für die Marburger Absolventen zu bemerken, daß dieser Archiv-Begriff bei Papritz identisch ist mit dem einzelligen Archiv oder Einbestandsarchiv, daß es daneben aber natürlich noch mehrzellige Archive oder Mehrbeständearchive gibt, wobei ein mehrzelliges Archiv durchaus ein Organismus sein kann, wenn z.B. ein kleines Staatswesen dokumentiert wird, oder aber die Möglichkeit eines unorganisches mehrzelligen Archivs besteht usw. usw.

Ich stelle fest: Papritz entwickelt zentrale Theoreme und Aussagen an staatlichen Archivbeständen mit eindeutigem Schwerpunkt vor der Büroreform. Die Rolle und Funktion von Archiven in unserer Gesellschaft wird nicht thematisiert, das Schlüsselproblem archivischer Tätigkeit - die Frage nach Überlieferungsbildung und Bewertung spielt schon vom theoretischen Ansatz her keine Rolle, denn die These einer zweckfreien dauernden Aufbewahrung macht solche Reflexionen unnötig. Es ist ein staatsarchivisch-sektorales und dazu noch antiquiertes Bild von Archiven sowie ein antiquiertes Berufsbild, auf das die Papritzsche Archivwissenschaft zugeschnitten ist, die mit den gegenwärtigen Anforderungen an die archivische Tätigkeit sehr wenig zu tun hat.

Hier liegt die Ursache dafür, daß selbst der "Volkspapritz" für die archivarische Praxis noch zu umfangreich und kaum nützlich war.

Doch nun zum zweiten Standardwerk, Brenneke/Leesch, das den Titel "Archivkunde - Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte des europäischen Archivwesens" trägt.

Zitieren wir zunächst zur Einschätzung einen unverdächtigen Zeugen - Johannes Papritz:

Am Institut für Archivwissenschaft in Berlin-Dahlem - so Papritz - sei durch Brenneke zum erstenmal die Archivwissenschaft im engeren Sinne gelehrt worden. Brenneke habe dabei nur wenige Themen herausgegriffen: die Geschichte der Archivtheorien, der Terminologie, das Provenienzprinzip, die Kassation, alles dies aber ausgerichtet auf den Zweck der allgemeinen Archivgeschichte. Eine umfassende Archivwissenschaft habe Brenneke nicht geboten. Papritz verweist auch auf das zentrale quellenkritische Problem, daß sich nämlich der jeweilige Anteil der Gedanken Brennekes und der seines Schülers Leesch nicht ermitteln lasse, da es sich um die stark überarbeitete Veröffentlichung der Mitschriften handelt. "Die Versuchung den Stoff im Sinne eines Handbuchs zu ergänzen und Brennekes oft sehr eigenwillige Gedanken zu mildern, lag nahe."

Der entscheidende Gedanke bei Brenneke/Leesch ist das Verständnis des Archivs als Organismus. Brenneke entwickelte seine Gedankengänge in Abgrenzung zu dem niederländischen Organismus-Begriff:

"Das Leben habe die Registraturen geschaffen, meinen die Niederländer; aber bei Lichte besehen, hat sie ein Registrator geschaffen, der einen Zopf trug".

Was den Niederländern Realität sei, bedeutete für uns ideale Forderung: das innere Wesensgesetz des Organismus in der äußeren Gliederung der Registratur zu verwirklichen. Unsere Normen entnähmen wir nicht der ratio, sondern dem Organismus selbst. Unsere Aufgabe sei es nicht, Registraturen um jeden Preis zu konservieren und damit vielleicht monströse Zufallsbildungen für immer zu erhalten, sondern "Archivkörper" organisch zu bilden. "Es gilt mit künstlerischem Einfühlungsvermögen dem Bestande die geheimen Gesetze seines Werdens und Wachsens abzulauschen und in den Formen zum Ausdruck zu bringen."

Provenienz sei die Sachgemeinschaft auf der Grundlage der Herkunftsgemeinschaft.

Der Archivkörper habe sich von der Herkunftsstelle gelöst und wachse bei mehrfachem Wechsel der Geschäftsstelle in altem Geiste weiter.

Die Beispiele aus der Praxis sind dann wesentlich prosaischer als es die Aufgabenstellung "die geheimen Gesetze des Werdens und Wachsens abzulauschen" erwarten läßt: Angeführt werden der Wechsel der Domänenregistratur vom preußischen Finanz- zum Landwirtschaftsministerium, der Medizinalregistratur vom Kultus- zum Innenministerium und die Kolonialregistratur auf Reichsebene.

Auch für Brenneke gilt als Musterbeispiel schöpferischer Archivordnung die Arbeit von Küch.

Die von Papritz und Brenneke/Leesch erdachten Theoreme werden auch heute noch von interessierter Seite zur wissenschaftlichen Legitimation antiquierter Berufsbilder genutzt. So versuchte Gerhard Granier - Direktor im Bundesarchiv- Anfang der 80er Jahre unter Rückgriff auf Papritz die weitere Öffnung der Archive abzuwehren. Granier beklagte, daß die "Sprachverwirrung, als seien 'Archiv' und 'öffentlich' begriffsnotwendig miteinander verbunden" auch in den Bericht des Bundesdatenschutzbeauftragten hineinwirke. Er fährt dann fort:

"Welches Mißverständnis hier obwaltet, braucht nicht noch einmal dargelegt zu werden. Johannes Papritz definiert das Archiv als 'die Gesamtheit oder eine eigenständige Abteilung der Dokumentation einer juristischen oder physischen Person bzw. Personengruppe, die im Geschäftsgang organisch erwachsen und zur dauernden Aufbewahrung bestimmt ist.' Dieser Beschreibung ist nichts hinzuzufügen. Von Benutzung der Archivbestände ist in ihr nicht die Rede. Daß es zu ihr einmal kommt, ist eine 'politische' Forderung. Aber vom Begriff des Archivs kann sie nicht abgeleitet werden. Dessen Aufgabe besteht zunächst nur darin, die Überlieferung zu sichern."

Und Angelika-Menne Haritz greift auf Brennekes Organismus-Begriff zurück, um einer autonomen Archivwissenschaft die nötigen Weihen zu geben.

Daß sich Brennekes Gedanken dazu außerordentlich gut eignen, hatte schon Leesch 1953 erkannt: "Durch die Auffassung des Provenienzprinzips als Regulativ, das dem freien Gestaltungswillen des Archivars gewissen Spielraum läßt, wird die Tätigkeit des Archivars ins Schöpferische erhöht. Damit bekommt die Arbeit des Archivars aus sich heraus, nicht mehr nur durch ihre Verbindung mit der Wissenschaft ein neues Ethos."

Ich hingegen meine, diese archivwissenschaftlichen Ansätze können heute in den zentralen archivischen Problemfeldern - wie der Frage nach Aufgabe und Funktion von Archiven in unserer Gesellschaft, den Fragen in den Bereichen Überlieferungsbildung, Bewertung und Erschließung keine theoretische Handlungsanleitung für die Archivpraxis begründen und überwiegend nur noch von historischem Interesse sein.

Eine ideologiekritische Untersuchung der Werke von Brenneke und Papritz steht zudem noch aus.

Hier sind die entscheidenden Studien zur neueren Archivgeschichte nach der Wende in den neuen - nicht in den alten - Bundesländern erschienen. So befaßt sich die vom Kollegen Brachmann betreute Dissertation von Torsten Musial mit den Staatsarchiven im Dritten Reich und die Dissertation von Matthias Herrmann mit dem Reichsarchiv als Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik.

Es wäre interessant zu untersuchen, ob die Wertabstinenz von Johannes Papritz nach 1945 und seine sophistischen Ausführungen zu hehren archivischen Prinzipien - wie dem Provenienzprinzip - aus seiner - euphemistisch gesagt - "werthaften Haltung" vor 1945 resultiert.

Dazu nur ein kleines Appetithäppchen aus der Dissertation von Musial:

Das von Papritz geleitete Grenzmarkarchiv "sollte die archivalische Verkörperung der deutschen Ansprüche am verlorenen Gebiet sowie eine Keimzelle für spätere Zeiten sein, wie Johannes Papritz in seiner Denkschrift vom 24. April 1929 formulierte. .. Man war sich darüber im klaren, daß die Archivalien nach Abtretung der Gebiete an Polen provenienzmäßig dorthin gehörten. Aus diesem Grund tauchten die zusammengezogenen Bestände in keiner Übersicht auf. Nutzern wurde auf Anregung von Johannes Papritz keine Findbücher vorgelegt.

Wenden wir uns nun derjenigen jüngeren bundesrepublikanischen archivwissenschaftlichen Literatur zu, die glaubt, ihre zentralen Theoreme mit eben diesen älteren Standardwerken legitimieren zu können.

Für die seit Ende der achtziger Jahre durch die "Marburger Schule" unter ihrer neuen Leitung in Gang gesetzte Diskussion ist zunächst festzuhalten, daß sie Wind in die bundesrepublikanische Archivlandschaft brachte.

Unter Rückgriff auf Schellenberg, Brenneke, Papritz und andere Archivväter wird - zum Teil als Antwort auf die als bedrohlich empfundenen neuen Technologien - die Konstruktion einer autonomen Archivwissenschaft versucht, die sich bewußt von der Geschichts- und Dokumentationswissenschaft abgrenzt - sogar das Bild von den zwei "archivarischen Unabhängigkeitskriegen" wird kreiert, der erste sei im 19. Jahrhundert gegen die Geschichtswissenschaft geführt worden und der zweite müsse im 20. Jahrhundert gegen die Dokumentationwissenschaft geführt werden.

Einen zentralen theoretischen Beitrag bietet in diesem Kontext der Aufsatz "Das Provenienzprinzip als Bewertungssurrogat ?" von Angelika Menne-Haritz, auf den ich im folgenden wegen der Kürze der Zeit leider nur allzuknapp eingehen kann.

Die Kollegin Menne-Haritz wirft die Frage auf, ob die in Ost und West einheitlich geforderte inhaltsbezogene Auswahl wirklich eine zeitgemäße Weiterentwicklung der früheren provenienzbasierten Bewertung sei oder sich heute ein Rückgriff auf diese Ansätze lohne?

Bei ihrem Rückblick auf die Weimarer Republik stellt sie fest:

Büroreform, Kriegswirtschaft und massenhafte Überlieferung ohne Verwaltungsnutzen hätten 1924 erstmals zu Bewertungsgrundsätzen in preußischen Archiven geführt. Dabei sei von Ernst Zipfel die Nachvollziehbarkeit der Behördentätigkeit als Ziel formuliert worden mit der zukunftsweisenden Aussage: Zum Ausdruck bringen, wie die Behörden die Schwierigkeiten bewältigt haben.

Nachkriegsdeutschland hingegen hätte eine Bewertungstheorie formuliert, die das Provenienzprinzip ablehnte - die inhaltsorientierte Auswahl sei zur vorherrschenden Methode geworden.

1970 sei von Hans Booms der inhaltsorientierte Ansatz in den Rang einer Bewertungstheorie erhoben worden. Mit der Feststellung, das "Provenienzprinzip sei nur Bewertungssurrogat", habe er das Gegenteil der Praxis des Bundesarchivs formuliert.

Booms habe eindeutiger als seine Vorgänger für eine vollständige Dokumentation der Gesellschaft als archivarische Aufgabe plädiert.

Die Kollegin Menne-Haritz hingegen spricht sich für eine neue Bewertungstheorie aus:

Neue Bewertung benötige eine neue Zieldefinition, die nicht das Abbild der Gesellschaft anstrebe. Dazu seien Ansätze in der Weimarer Republik vorhanden: nachzuweisen, wie eine Dienststelle gearbeitet habe.

Das Provenienzprinzip müsse weiter angeben können, warum bewertet wird, denn sonst sei die Theorie der Bewertung der Organisationseinheiten statt ihrer Unterlagen die logische Folge.

Sie sieht diese Begründung in der Aufgabe der modernen Staatsarchive in der demokratischen Gesellschaft als Ausstellerarchive zu zeigen, wie Entscheidungen in Politik und Verwaltung zustande gekommen seien.

Das freie Provenienzprinzip Brennekes und die Bewertungstheorie Schellenbergs zeigten hier die Perspektiven:

Organisches Wachstum der Archive solle zum Ausdruck gebracht werden, auch wenn sie selbst solche Form nicht gehabt hätten. Dieses Wachstum werde in der Klassifikation repräsentiert, die Funktion, Aufgaben und Erledigung der Behörde nachvollziehbar mache und sich non-verbal im Findbuch repräsentiere.

Es könne sein, daß eine völlig neu zu schaffende Ordnungsstruktur aussagekräftiger sei, obwohl sie für den Primärzweck unbrauchbar war. Jeder Bestand müsse also neu analysiert werden, denn Kriterien seiner Verzeichnung, Ordnung und Bewertung liefere nur er selbst.

Dieser funktionale Zweck sei allgemein gültig und auch auf die Bewertung übertragbar in der Frage: Welche Teile der Kettenglieder sind für die Präsentation der Zusammenhänge notwendig, um Redundanz zu beseitigen, die den Blick auf den Kontext verstellt.

Das Ziel, Sachgemeinschaften transparent und evident zu machen - wie es von Brenneke für die Verzeichnung und von Schellenberg für die Bewertung formuliert worden sei - sei heute noch keinesfalls breiter akzeptiert.

Diese Akzeptanz sei aber Voraussetzung für eine weitere Verwissenschaftlichung und Professionalisierung des Berufs.

Ich möchte hier im folgenden nur auf drei Komplexe eingehen - den Rückgriff auf die Bewertungsdiskussion in der Weimarer Republik, die Bewertungstheorie und die Erschließungsmethodik.

Der Rückgriff auf die Bewertungstheorie in der Weimarer Republik zeugt von wenig historischem Verständnis und ist zudem äußert oberflächlich recherchiert.

Daß nun auch gerade noch Ernst Zipfel, einer der in der NS-Zeit am meisten belasteten Archivare, zur Legitimation einer neuen Bewertungstheorie für unsere heutige bundesrepublikanische Demokratie herangezogen wird, lassen wir hier und heute noch einmal unberücksichtigt.

Ahistorisch und sachlich falsch ist die Annahme, bei der vor allem am Reichsarchiv in der Weimarer Republik entwickelten Bewertungstheorie sei es um Wertfreiheit sowie um die Bewertung und Übernahme ausschließlich von Verwaltungsschriftgut gegangen.

So kommt Matthias Herrmann in seiner Dissertation zum Reichsarchiv in einer differenzierten Analyse zur Bewertungsdiskussion in Hinblick auf das Massenproblem der Kriegswirtschaftsbestände zu einem gerade umgekehrten Schluß: "Im Gegensatz zur vereinfachten Kassation bei den Militaria mittels negativer Wertauslese wurde bei den Beständen der Kriegswirtschaftsgesellschaften die Methode der positiven Wertauslese angewandt."

Im übrigen ging es Zipfel und Müsebeck nicht darum wertneutral zu zeigen, wie von den Behörden gearbeitet wurde: "Ausschlaggebend auch für unsere archivalische Methode" so Müsebeck 1929 - "ist schließlich doch nicht ein starr und formal angewandtes Provenienzprinzip. Über diesem Gesetze steht jene innere Lebensbedingung aller wahrhaften Historie, die auch für die Archive als die Aufbewahrungsorte geschichtlicher Quellenzeugnisse gilt, dazustellen wie es eigentlich geworden ist."

Ich komme zur Bewertungstheorie:

Bodo Uhl hat die eingeschränkte Perspektive der von Marburg vertretenen Bewertungstheorie - die ich als Evidenzwertanalyse apostrophiert habe - anschaulich auf den Punkt gebracht: "Wir sollten uns in aller Bescheidenheit nur die Aufgabe stellen, die Tätigkeit der verschiedenen Registraturbildner unserer jeweiligen Archivträger in den wesentlichen Zügen zu dokumentieren, und nicht vorrangig versuchen, auf von wem auch immer als bedeutend erkannte Fakten, Ereignisse, Entwicklungen abzuheben."

Hans Booms hat in einer brillanten Analyse bereits 1970 diese Bewertungstheorien kritisiert - eine Kritik - die ohne wenn und aber auf die Marburger Bewertungstheorie übertragbar ist: "Das Provenienzprinzip ...verschleierte ... den Bedarf nach konkreten verbindlichen Leitwerten, die [ ... der Archivar] nicht zu definieren vermochte, bot ihm formale Bewertungssurrogate. Das Provenienzprinzip, unentbehrlich gewordenes archivisches Ordnungsprinzip, diente zugleich auch als formale und ideologische Basis des Kassationsverfahrens." Um dies verständlich zu finden - so Booms weiter - müsse man sich vergegenwärtigen, daß der Quellenstoff, der dem Archivar jener Zeit zur Überlieferungsbildung überantwortet wurde, allein schon des Umstandes wegen, daß er der Sphäre des Staates entstammte, a priori für diesen von guter Provenienz war.

So war der Leitwert des Archivars die Herkunft des Materials vom verabsolutierten Staat. Solch a priori wertbehafteter Stoff bedurfte keiner Einzelbewertung, als er gebunden in den Herkunftszusammenhang des Provenienzprinzips anfiel. Er präsentierte sich als "prachtvoll gewachsene" Registratur oder organischer Archivkörper, deren Registraturzusammenhang von den Archivaren nach dem freien Provenienzprinzip umgewandelt worden war, als ästhetische Überlieferungsform. Die Kassation sei im wesentlichen darauf beschränkt, das Ephemere auszuscheiden, um das Wesentliche des Organismus klarer herauszumodellieren.

Ein auf das Provenienzprinzip gestelltes Kassationsverfahren verdeckte das Erfordernis konkreter Quellenwertvorstellungen im Bewertungsverfahren. Dies blieb möglich, solange die Überbewertung der institutionellen Öffentlichkeit zuungunsten der informellen gesellschaftlich sanktioniert wurde."

Hans Booms hingegen fordert stattdessen zurecht: "Zweck und Ziel einer archivarischen Überlieferungsbildung kann in der pluralistischen Struktur unserer modernen Industriegesellschaft nur eine gesamtgesellschaftliche Dokumentation des öffentlichen Lebens in allen Interessens - und Bindungsgemeinschaften sein."

Dieser Ansatz zielt auf eine Überlieferungsbildung, die sich in ihrer Perspektive auf die gesamte Gesellschaft und nicht nur auf den Staat und seine Organe bezieht. Die Evidenzwertanalytiker dagegen haben nur noch staatliche Teiltätigkeiten als Überlieferungsmöglichkeit im Blick - sie sind in dieser Beziehung von ihrem Ansatz her voluntaristisch und tragen zu einer Verzerrung historischer Überlieferungsbildung bei.

Die Evidenzwertanalyse als Bewertungsmodell ist allenfalls nur auf einen kleinen Teilbereich der Verwaltungsakten anwendbar. Sie ist ein Teil methodischen Handwerkszeug und keinesfalls eine ausreichende Basis zur Begründung einer "autonomen Archivwissenschaft".

Soviel zur Bewertung, ich komme zur Erschließung:

Bereits 1975 auf dem 50. Deutschen Archivtag forderte Eckart G. Franz in seinem Vortrag "Archiv - Bibliothek - Dokumentation - Eine Standortbestimmung" die Notwendigkeit der Koordination und Kooperation unter Beibehaltung der Eigenständigkeit der beteiligten Disziplinen. Anderthalb Jahrzehnte später mußte der VDA-Vorsitzende Hermann Rumschöttel auf der Veranstaltung zum 40. Jahrestag der Eröffnung der Archivschule Marburg im Jahre 1989, die sich dem Thema "Archiv, Bibliothek, Dokumentation - Tradierte Grenzen und neue Perspektiven" widmete, allerdings feststellen: Trotz unübersehbarer Gemeinsamkeiten in den wachsenden Randbereichen gebe es heute kaum mehr Kooperation und Koordinierung als vor 20 Jahren.

Drei Jahre später erschienen dann als Lehrmaterial für das Fach Archivwissenschaft der Archivschule Marburg die "Schlüsselbegriffe der Archivterminologie". Die Möglichkeiten von Koordination oder Kooperation spielen dort keine Rolle. Allerdings werden etwa 10% der Seiten dazu verwandt, angebliche und tatsächliche Unterschiede zwischen Archiv, Bibliothek und Dokumentation aufzuzeigen. Dort heißt es zur Beschreibung der Abgrenzung zwischen Dokumentation und Archiv aus Benutzerperspektive u.a.: Der Benutzer erwarte im Archiv offene Quellen zu beliebiger Auswertung, während er von der Dokumentation möglichst verläßliche Antworten auf konkrete Fragen fordere. Etwas weiter wird dann in Abgrenzung zum Museum konstatiert, Zweck des Besuchs im Archiv sei die Suche nach einer authentischen Antwort auf eine bestimmte Frage.

Gerade im Bereich der Verzeichnung liegen m.E. für die Archivwissenschaft derzeit nicht ausreichend ausgelotete Möglichkeiten zur Nutzung dokumentationswissenschaftlicher Methoden.

Die traditionelle archivarische Verzeichnung erstellt provenienzbezogene Findmittel. Provenienzbezogen heißt, daß der Zusammenhang und die Herkunft der Archivalien vor allem aus Gründen der Quellenkritik gewahrt bleiben muß.

Die Provenienz dient aber auch als Suchkriterium für themenbezogene Fragen der Benutzer. Schon 1975 hat Heinz Boberach neue Verfahren unter Beibehaltung der Provenienz bei der Erschließung gefordert, weil "von den Benutzern schlechterdings nicht mehr zu erwarten [ist], daß sie ein bestimmtes Maß von [...] organisationsgeschichtlichen Kenntnissen besitzen." Und Boberach fügte leicht indigniert hinzu: Selbst "Assistenten an historischen Seminaren, die nicht wissen, was Oberpräsidenten waren und welche Kompetenz sie hatten, sind keine Ausnahme mehr."

Doch selbst, wenn organisationsgeschichtliche Kenntnisse vorausgesetzt werden können, ist eine ausschließliche Verzeichnung nach Provenienzen nur solange sinnvoll, wie der Benutzer über die Frage nach der Behördenkompetenz auf direktem und schnellem Wege auch an das gesuchte Quellenmaterial kommt.

Das wird - das hat Rolf-Dietrich Müller für die Verwaltung der Stadt Paderborn exemplarisch nachgewiesen - wegen vielfacher Kompetenzverlagerungen und - verschiebungen heute immer schwieriger. Rolf Müller fordert deshalb zurecht, daß "die bisherigen Findmittel [...] durch Recherchiermöglichkeiten ergänzt werden müssen, die uns auch auf anderem Wege als über die Frage nach der Behördenkompetenz einen möglichst schnellen und vor allem auch umfassenden Zugriff auf Quellen ermöglichen."

Hier liegt der Ansatz für einen Einsatz dokumentarischer Methoden für Provenienzbestände. Für das Dokumentationsgut in den Archiven und die Masse der Fallakten konnte die Provenienz als Suchkriterium natürlich ohnehin nur von peripherer Bedeutung sein, so daß hier als adäquate Verzeichnung dokumentarische Methoden anzusehen sind.

Im Bereich der Verzeichnung - diesem steten Engpaß archivarischer Arbeit - bedeutet Benutzerorientierung weiterhin, daß sich die Prioritätensetzung wie die Erschließungstiefe an der Informationsnachfrage orientieren sollte.

Die Elektronisierung schafft hier neue Möglichkeiten, die auch die Einbeziehung von Arbeitsergebnissen und die Kooperation mit Projektgruppen bei Erschließungsprojekten ermöglicht.

Ich komme zum Schluß:

Die gegenwärtigen Abgrenzungsstrategien gegenüber Geschichtswissenschaft und Dokumentationswissenschaft und der Versuch eine autonome Archivwissenschaft zu konstruieren sind kontraproduktiv zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungen und manövrieren die deutsche Archivwissenschaft international ins Abseits.

Aufzunehmen, weiterzudiskutieren und weiterzuentwickeln sind vielmehr die archivwissenschaftlichen Diskussionsbeiträge, die versuchen diese "zölibatäre Vereinsamung" aufzubrechen - und zwar unabhängig von der Gnade des richtigen Geburtsortes und unter Einbeziehung des gesamten Spektrums des archivischen Berufsfelds.

Für die Erschließung sind das z.B. die Ansätze, die die Mängel traditioneller archivischer Verzeichnungsmethoden beschreiben und die Prüfung neuer, auch dokumentarischer Ansätze fordern. Nur mit neuen Methoden wird sich zukünftig ein internationaler Austausch archivisch-historischer Information realisieren lassen.

Für die Bewertungsdiskussion von zentraler Bedeutung sind die von Hans Booms in den 70er Jahren entwickelten Gedankengänge, die sich heute in den USA und Kanada in fast jedem Beitrag zur Bewertungsdiskussion um "Documentation Strategy" oder "Macro-Appraisal" wiederfinden.

So wie sich die Archivwissenschaft aus ihrer zölibatären Vereinsamung befreien muß, müssen sich die Archive zu Häusern der Geschichte entwickeln - denn auch hier wird sich der zölibatäre Rückzug auf vermeintlich hoheitliche Aufgaben als Überlebensstrategie langfristig nur als Scheinlösung erweisen.